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Wintereinbruch in Skandinavien – ein Equipment-Härtetest

Von Leonard Kristen

Im September 2024 bekamen meine Kollegin Luisa (Lu) und ich die wundervolle Gelegenheit nach Schweden zu reisen, um an einer Schulung der „Scandinavian Outdoor Group“ teilzunehmen. Dort durften wir Produkte verschiedener nordischer Hersteller auf einer mehrtägigen Tour durch das mittelschwedische Jämtland testen. Die internationalen Teilnehmer wurden dabei in kleine Gruppen eingeteilt und jeden Tag in einem anderen Schwerpunkt geschult, sowie in die Geschichte und Firmenphilosophie des jeweiligen Herstellers eingeführt.

Bei der Wanderung stellte die schwedische Marke Lundhags festes Schuhwerk, Trekkingrucksäcke und den Großteil der Kleidung, darunter meine Lieblingshose, die Makke Pant. Die benachbarte Firma Woolpower ließ uns ihre warmen Socken und Unterwäsche aus Merinowolle testen. Stirnlampen, Trekkingstöcke und Kompasse gab es vom ebenfalls schwedischen Hersteller Silva und von deren Mitarbeitern wurden wir auch in die Navigation mit Karte und Kompass eingeführt. Außerdem bekamen wir Kocher und Töpfe von Primus (Schweden) zum ausprobieren und Nordisk (aus Dänemark) ließ uns ihre verschiedenen Zelte testen, wobei die Gruppenzelte von Hilleberg (wieder Schweden) zur Verfügung gestellt wurden.

Derartige Veranstaltungen bieten uns die Gelegenheit, neben der Ansammlung von Produktwissen, ein bisschen tiefer in die Outdoor-Branche hinein zu horchen und Kontakt mit den Kollegen bei Lieferanten und von anderen Läden zu suchen und zu erhalten. Dafür waren und sind wir sehr dankbar.

Nach unserer Ankunft in der Enaforsholm Eco Lodge wurde also die Ausrüstung verteilt und es gab Zeit sich bei einem tollen Grillabend kennenzulernen, bevor es am nächsten Morgen dann auch schon auf die Wanderung ging und mit den Schulungen gestartet wurde.
Hier zeigte sich dann auch schnell, wie wichtig zuverlässige Ausrüstung in diesem Gelände ist. Immer wieder ging es auf nicht ausgeschilderten Wegen durch sumpfige Gebiete und schroffe Hügellandschaften.
Zwei Highlights, gleich zu Beginn, waren Rentiere, die wir aus der Ferne bestaunen konnten sowie die verschiedenen Beeren, welche immer wieder am Wegesrand wuchsen und nur darauf warteten verspeist zu werden. Ein schwedischer Teilnehmer überzeugte mich dann auch noch, gemeinsam ein paar Pilze zu sammeln und diese während einer Pause zuzubereiten – absolut köstlich! Sehr angenehm und ungewohnt war es auch, dass wir im Grunde nie Wasser mit uns schleppen mussten, da es überall Trinkmöglichkeiten in der Natur gab und das Wasser aufgrund der Sauberkeit auch nicht aufbereitet werden musste. Mit all den schönen Eindrücken und dem erworbenen Wissen gab es noch eine letzte Hürde bevor wir wieder duschen und in Betten schlafen durften: eine Flussüberquerung durch eiskaltes Wasser – definitiv ein aufregender Abschluss!

Wieder in der Lodge angekommen wurden die einzelnen Gruppen über das Gelernte abgefragt und es wurde verglichen, welche Gruppe ein Zelt am schnellsten aufbauen konnte. Unsere Gruppe gewann diesen Wettbewerb souverän, da wir mit der Boxenstop-Methode arbeiteten und mit Abstand am schnellsten mit dem Zeltaufbau fertig waren. Dafür gab es leckere schwedische Schokolade für alle Mitglieder unseres Teams.
Jetzt war es aber Zeit für alle sich zu Belohnen und zu Entspannen und was wäre da schöner als ein Bier und eine Sauna und eine anschließende Abkühlung im See? So verstrichen dann die letzten Stunden bis zum abschließenden Abendessen, bevor wir am nächsten Morgen dann Abschied von der Lodge nehmen mussten und uns auf den Weg machten, um die Werkstätten von Woolpower und Lundhags zu besuchen, wo wir noch eine interessante Führung bekamen. So endete schließlich unser unvergessliches und lehrreiches Abenteuer in Schweden.

Da es aber zu schade wäre nur für die paar Tage in den Norden zu reisen, nutzten Lu und ich die Gelegenheit jeweils noch Urlaube an die Schulung dranzuhängen und wir entschieden uns für eine anschließende Fahrt nach Norwegen, wo sich unsere Wege jedoch in Trondheim trennten. Während Lu sich die Lofoten nicht entgehen lassen wollte, entschied ich mich für eine mehrtägige Tour durch die Hardangervidda. Nach einem kontrastreichen Zwischenstopp in Oslo, um nochmal gut zu essen, einzukaufen und natürlich auch etwas von Norwegens Hauptstadt zu sehen, ging es auch schon wieder raus in die Natur. Die Zugfahrt Richtung Hardangervidda sollte dabei eine der schönsten meines Lebens sein! Mit dem Beginn der Herbstfärbung in der Landschaft, vorbei an immer kleiner werdenden Ortschaften am Wasser.

Ausgestattet mit den neuesten Errungenschaften der oben genannten Outdoor-Ausrüster und wieder in meinen Barfußschuhen unterwegs, begann ich schließlich meine Tour in Finse, Norwegens höchstgelegenem Bahnhof und Drehort von „Hoth“ in „Star Wars: The Empire Strikes Back“, auch wenn es zu dieser Jahreszeit (noch) wenig an den unbewohnbaren Eisplaneten erinnerte.

Der Start hätte kaum schöner sein können: Sonne, Windstille und absolute Ruhe in der atemberaubenden Landschaft Norwegens. Und schon nach ein paar Kilometern keine Menschenseele mehr weit und breit, dafür viele drollige Lemminge, über die ich mich jedesmal wieder freute. Doch schon in der dritten Nacht kam der Kälteeinbruch und als ich morgens aus meiner Unterkunft blickte war die Landschaft kaum wiederzuerkennen: Schnee so weit das Auge reichte. Außerdem setzte ein Wind ein, der seinesgleichen suchte und schnell war mein Gesicht beim Wandern völlig vereist.
Generell wirkte das Land als wäre es soeben erst aus der Eiszeit erwacht und ein Mammut hätte gut ins Bild gepasst. Aber leider bekam ich keine großen Tiere mehr zu Gesicht. Dafür freute ich mich über Schneehühner, die in der weißen Landschaft nur schwer zu erkennen waren und über einen Steinadler. Sehr traurig war der häufige Anblick toter Lemminge, die unter dem plötzlichen Kälteeinbruch scheinbar mehr gelitten hatten als ich. Denn glücklicherweise hatte ich ja noch die warme Unterwäsche von Woolpower dabei, die mich auf dieser Tour komplett überzeugt hat. Sonst wäre ich mit der Kälte bestimmt nicht so gut zurecht gekommen.
Ich war auch sehr glücklich darüber, den mit Kork und Neopren ummantelten Kochtopf von Primus dabei zu haben. Im Gegensatz zu meinem Topf aus Titan, den ich sonst gerne auf längeren Wanderungen nutze, kann man diesen direkt vom Kocher in die Hand nehmen ohne sich die Finger zu verbrennen. So konnte ich mir auch die Hände daran aufwärmen, die nach dem Auf- und Abbau meines Shelters im Schnee immer ziemlich verfroren waren. Ich versuchte nämlich, die Seiten meines ansonsten recht offenen Pyramid-Tarps mit Schnee gegen den Wind und für eine bessere Isolierung abzudichten. Trotzdem hatte ich besonders während der Nächte zu kämpfen, denn ich hatte meine Ausrüstung nur auf leichte Minusgrade ausgelegt und nicht damit gerechnet, dass es weitaus kälter werden würde. Die erste Weile im aufgebauten Shelter tat immer gut. Raus aus dem kalten Wind und langsam den Schlafsack aufwärmend. Doch nachts frierend und die Bodenkälte spürend aufzuwachen, war nicht so spaßig. Besonders mit Blick auf die Uhr und wissend, dass die Tiefsttemperatur noch nicht erreicht war. Trotz Kälte, Wind und Einsamkeit und obwohl die Nässe inzwischen auch durch meine Schuhe gekrochen kam, hatte ich gute Laune und liebte diese abenteuerliche Tour. So verstrichen windige Tage und eisige Nächte.

Da die Vøringfossen Wasserfälle nicht weit von meiner Route lagen und meine Essensvorräte aufgrund der Kälte schneller zur Neige gingen als geplant, beschloss ich einen Abstecher zu dieser Sehenswürdigkeit zu unternehmen und bekam nach einigen Tagen der absoluten Einsamkeit wieder Menschen zu Gesicht. Am Rand des eindrucksvollen Naturspektakels stehend, peitschte mir der Wind den Schnee von unten ins Gesicht. Eine lustige Abwechslung zu den ansonsten meist horizontal einprasselnden Kristallen, die mir den Weg bis dorthin erschwert hatten. Leider waren sowohl Einkehrmöglichkeiten als auch alle Läden geschlossen und ich musste nach einer anderen Lösung suchen Verpflegung aufzutreiben. So verließ ich meinen Weg und ging eine Weile querfeldein durch das schneebedeckte Gelände um eine Straße zu erreichen an der es eine Tankstelle mit Supermarkt geben sollte. Tatsächlich gab es Sie dort und sogar gefriergetrocknetes Essen gehörte zum Programm! Das Schicksal meinte es gut mit mir und ich musste mich bei meinen Mahlzeiten nicht mehr zurückhalten.

Gegen Ende der Tour hörte es dann auch wieder auf zu schneien. Der Wind ließ nach und sogar die Sonne kam wieder raus. Ein Geschenk, für das ich sehr dankbar war und das ich sehr genießen konnte. Am liebsten mit einer Hand voll gesammelter Beeren und Blick auf die weite, unberührte Natur, während Tarp, Schuhe und Socken zum trocknen ausgebreitet um mich herum lagen.
Dann begegnete ich sogar wieder Menschen. Zwei Jäger, die hier Jagd auf Vögel machten und mir stolz ihre Beute präsentierten. Als ich von meiner Tour erzählte waren sie sehr verwundert über meinen kompakten Rucksack und vor allem die Barfußschuhe. Zugegebenermaßen nicht ganz zu unrecht.

Schließlich wurden die Zeichen der Zivilisation wieder häufiger. Kleine skandinavische Hütten in der Landschaft, plötzlich auch Strommasten und Straßen. Ich beendete die Tour dann wieder an einem Bahnhof und nahm den nächsten Zug nach Bergen.
Ich werde nicht vergessen wie toll es war nach der Tour wieder in einem windgeschützten, warmen Raum zu sein und eine heiße Dusche zu nehmen. Die kleinen Dinge, die wir in unserem Alltag oft nicht zu schätzen wissen.
In Bergen sollte ich mit einer Bootsfahrt durch den Fjord nach Flåm ein weiteres schönes, wenn auch weniger abenteuerliches Erlebnis haben, bevor es zum Abschluss der Reise nach Stavanger ging. Dort sollte ich auch Lu wieder treffen, die inzwischen Gesellschaft von ihrem Vater (und unserem Chef, Mike) bekommen hatte und mit dem sie eine Tour um den Lysefjord gemacht hatte. Bei einem schönen Abendessen tauschten wir uns also über unsere Erlebnisse aus, bevor es anschließend wieder zurück nach Deutschland gehen sollte, wo wir unser Wissen aus der Schulung und unsere Erfahrungen mit der Ausrüstung unter skandinavischen Bedingungen gerne an Kollegen und Kunden weitergeben.

Mein persönliches Fazit (und hier schreibt jemand aus der Ultralight Szene, für den leichte Ausrüstung sonst höchste Priorität hat) ist auf jeden Fall, bei einer solchen Tour lieber etwas mehr zu schleppen aber dafür besser auf eventuelle Kälteeinbrüche vorbereitet zu sein und mehr Komfort zu haben. Ein Kompromiss, den die skandinavischen Hersteller durchaus verinnerlicht zu haben scheinen.

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